Infotext "Carmen, Cats & Dreams"          zurück


Mit "Carmen, Cats & Dreams" präsentiert EMBRASSY nach "Colours of Brass" ein zweites Kaleidoskop blechbläserischer Pretiosen:

Gleich zu Beginn tritt Carmen, die vielleicht berühmt-berüchtigste Frauengestalt der Opernliteratur, in metallisch-glitzerndem Gewand auf. Nicht nur das Militärische und die Fanfaren sind hier, wie in Georges Bizets Musikdrama, dem Blech anvertraut: bei EMBRASSY ist auch das Raffinement, die Leidenschaft, die Liebe und der Tanz – kurz „das Spanische!“ virtuos in schweres Metall gefaßt. 

Das Mädchen mit den flachsblonden Haaren, Debussys impressionistisch zarte Fille aux Cheveux de Lin, stellt im Vergleich zu Carmen eine ganz andersartige Herausforderung für Blechbläser dar. Das 1910 für Klavier komponierte „Prélude“ bekommt durch die grundsätzlich unterschiedliche Art der Tonerzeugung bei Blasinstrumenten eine völlig andere Klangästhetik - bei einem Klangmagier wie Debussy sicher eine lohnende und schöne Aufgabe, der gerecht zu werden u.a. ein besonders reichhaltiges Instrumentarium – Piccolotrompete, Trompete, Flügelhorn, Waldhorn, Posaune, Euphonium, Baßposaune und Tuba -, aber auch eine spezielle Positionierung der Instrumentalisten im Aufnahmeraum dient.

 Mit einer schon etwas unkomplizierteren Traumfrau hat es EMBRASSY in dem swingenden Titel I dream of Jeannie with the Light Brown Hair zu tun. Das von dem Amerikaner Stephen Foster komponierte und bald volkstümlich gewordene, von Roger Harvey für Solo-Posaune und Blechbläser-Ensemble arrangierte Lied gehört sicher schon in die Kategorie „Easy Living“, von der dann bei George Gershwins Summertime ausdrücklich die Rede ist. EMBRASSY bezieht hier zum ersten Mal eine Singstimme in sein künstlerisches Konzept mit ein und zeigt ganz nebenbei, daß in diesem Wiegenlied aus der Oper „Porgy and Bess“ zwar vielleicht nicht gerade ein Baby einschlafen kann, eine Sängerin aber auch nicht unbedingt von zehn Blechbläsern übertönt werden muß! 

Auch im Spiritual The Battle of Jericho darf wieder geswingt werden. Dieser mit strahlender und verträumter Solo-Trompete vorgetragene Evergreen des sakralen Entertainments erinnert aber nur aus mindestens so großer Entfernung an eine Schlacht wie die etliche Jahrhunderte zuvor komponierte „Pavane Bataille“ aus der Suite von Susato. 

Keine Figur muß für das Klischee derber Blasmusik so herhalten wie die des Tubisten. Der Engländer Goff Richards weiß dieses Vorurteil köstlich zu persiflieren: In einem Satz aus der Suite „Homage to the Noble Grape“, in der verschiedene Rebsorten besungen werden („Hock“ ist die englische Verballhornung von „Hochheimer“, einem deutschen Rheinwein), setzt der Komponist die Tuba nämlich einerseits im obligatorischen Schunkelwalzer ein, andererseits verlangt er aber diesem scheinbar unbeweglichen Instrument einen äußerst virtuosen Part samt fulminanter Kadenz ab, die von besagtem Klischee wirklich nichts mehr übrig läßt.  

Chris Hazell, geboren 1948, schrieb seine Three Brass Cats als Auftragskomposition für das Philip-Jones-Brass-Ensemble, das die auch von EMBRASSY gepflegte Besetzung (vier Trompeten, Horn, vier Posaunen, Tuba) weltweit etabliert hat. Hazell porträtiert hier liebevoll und alle Klangentfaltungsmöglichkeiten von Blechblasinstrumenten auskostend seine Hauskatzen. Mr.Jums ist ein eher sanfter Typ mit Hang zum Feierlichen, während der herumstreunende Borage ausgesprochen kratzbürstig sein Revier verteidigt. Der gute alte Black Sam ist religiös veranlagt und schnurrt bestimmt gern zur „Battle of Jericho“. Schließlich ist da noch Kraken (Another Cat), das einzige weibliche Tier: ein cleveres kleines Biest, dessen Intelligenz sich nicht zuletzt in einem Fugato zeigt und das einem mit seinem unwiderstehlichen Charme den Kopf verdrehen kann - vielleicht wäre sie die richtige Schmusekatze für Carmen gewesen...? 

Der Niederländer Tilman Susato hätte an der Blech-Fassung seiner "mso-bidi-font-weight:normal">Renaissance-Suite ganz sicher seine Freude gehabt: nicht nur die Fanfarenmotivik im letzten Satz, auch die schwungvollen Tänze und die ruhig fließenden „Chansons“ scheinen wie für Blechbläser geschrieben, und wenn Susato unsere heutigen Instrumente gekannt hätte, vielleicht hätte er die „Danserye“ aus seinem „musyck boexken“ von 1551, dessen Lieder und Tänze „op alle musicale instrumete“ gespielt werden konnten, auch für ein Ensemble wie EMBRASSY arrangiert – ein Gedanke, der angesichts der Vielseitigkeit dieses Komponisten, Verlegers, Arrangeurs und Trompeters (!) nicht abwegig erscheint.